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Normale Version: Koovagam Festival
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Ich schreibe dies in einem gewissen Zwiespalt. Einerseits denke ich, es könnte ein gewisses Interesse daran bestehen, wie das mit trans* (und ähnlichen -?) Themen in anderen Kulturen so ist. Andererseits hoffe ich, ich verpasse jetzt niemandem einen allzu großen Kulturschock. Aber sollte jemand persönliche Probleme damit haben, kann er sich natürlich jederzeit an mich wenden.

Anyway, here goes...

Wie möglicherweise hier nicht sehr bekannt ist, findet am 11.-27. April d.J. in Koovagam (கூவாகம் Kūvākam) im nordöstlichen Tamilnatu ein alljährliches Fest zu Ehren des Aravan (அரவான் Aravāṉ, Sanskrit इरावान् Irāvān) statt.

Um zu versuchen, es möglichst kurz zu machen, ohne dabei allzu viel wesentliches unter den Tisch fallen zu lassen (Nachfragen sind immer möglich):

Aravan ist eine Gestalt im Mahabharata (dem indischen Nationalepos). Wovon es mehrere Fassungen gibt (auf welche Komplikationen wir hier nicht unbedingt eingehen müssen). In einigen tamilischen Mahabharata-Fassungen soll Aravan sich am Tag vor einer Schlacht selbst opfern, um den Sieg herbeizuführen. Er willigt ein, und in einigen Volkstraditionen bittet er sich desweiteren aus, seine letzte Nacht mit einer Frau zu verbringen. Da sich keine menschliche Frau darauf einlassen will, verwandelt sich der Gott Krishna in seine weibliche Form namens Mohini...

Die Anhänger (devotees), die an diesem Fest teilnehmen, um diese letzte Nacht in der Nachfolge der Mohini nachzuvollziehen, werden Aravani (அரவானி aravāṉi) genannt. Es kann sich dabei neben Transmenschen (um mich trotz Bedenken zu diesem Begriff durchzuringen) auch um Cis-Männer handeln, die ein entsprechendes Gelübde abgelegt haben (wobei sie sozusagen cisvestitisch vertreten bleiben).

Sie werden von einem Priester mit einem Mann ihrer Wahl (der das Gelübde abgelegt hat, hierfür die Nachfolge des Aravan anzutreten) verheiratet. Wie sie dann die Nacht miteinander verbringen, bleibt denen überlassen.

Am nächsten Morgen trauern sie wie eine Witwe, d.h. sie wehklagen, ihre Armreife werden durchschlagen, ihre Halsbänder (தாலி tāli) zerschnitten, sie nehmen ein Bad und kleiden sich für einen Monat in Weiß.

Daneben ist Aravani aber auch zu einer generellen Bezeichnung für Transmenschen und Third Sex (Sanskrit तृतीयाप्रकृति tr̥tīyāprakr̥ti “Dritte Natur”), oder gar alle sexuellen Minderheiten, ausgeweitet geworden. Was mbMn vielleicht nicht der glücklichste Griff ist, zum einen wegen der allgemeinen Probleme allzu stark ausgeweiteter Begriffe, zum anderen weil der ursprüngliche Kontext ein sehr besonderer religiöser Kult ist (der gar nicht so weit verbreitet ist wie dies unterstellen könnte).

Ähnliches gilt auch für die hier wahrscheinlich einschlägig bekannten Hijras (Hindi हिजड़ा hijṛā), für die ein Kult einer bestimmten Göttin ebenso wie ihre sehr stark durchorganisierte Gemeinschaft (manchmal auch als Kaste bezeichnet, und tatsächlich leider eine Unterschicht-Phänomen) konstitutiv sind. Soll heißen, ohne das alles kann man kein Hijra sein.

Sicherlich mag das als ungewöhnlich erscheinen, wie hier Geschlecht mit Religion zusammenhängt. Im Hinduismus ist das Geschlecht eines Individuums aber gar nicht unabänderlich festgelegt. (Als philosophischen Hintergrund kann ich mir das ganz gut mit den Entfaltungen materieller – einschließlich psychischer – Formen plausibel machen. Aber das auszuführen würde sehr lang Shy). Was aber mitnichten bedeutet, daß man als Transmensch keine Probleme mit der dortigen Variante von Heteronormativität bekäme.

Jedenfalls, vor den eigentlichen Aravanis kann ich nur den allergrößten Respekt haben.



P.S.: Das Fest (samt Rahmenprogramm) unterhält eine eigene Facebook-Präsenz: https://www.facebook.com/media/set/?set=...692&type=3
Ich hab bei uns in der Arbeit mal ein paar Berichte über Hijras, etc gesammelt - wir beschäftigen uns ja viel mit dem verkackten Gender-Mist, Frauenrechte, Mädchenarbeit, Jungenarbeit, etc.

Hat leider niemanden interessiert.

Mal davon abgesehen, dass ich mir einfach mein eigenes Konzept für mich gebildet habe und mich ungern von der LGB-Com in ne Kategorie pressen lasse sagt mir die Two-Spirits-Theorie der Ureinwohner der nordwestl. Territorien wohl noch am ehesten zu. Die haben erkannt, dass das was besonderes ist über das man/frau sich freuen kann und nicht fürchten.
(22.03.2018, 14:42)Patricia1975 schrieb: [ -> ]Ich hab bei uns in der Arbeit mal ein paar Berichte über Hijras, etc gesammelt - wir beschäftigen uns ja viel mit dem verkackten Gender-Mist, Frauenrechte, Mädchenarbeit, Jungenarbeit, etc.

Hat leider niemanden interessiert.

Das ist schlecht.

Zu Hijras hat aus soziologischer Perspektive Mazumdar (2016) ganz beachtliche Forschungen geleistet, auch wenn sich das äußerst deprimierend liest.

Es gab dann auch noch eine Kontroverse darüber, wie das mit dem "Dritten Geschlecht" zu bewerten ist, inwiefern ist das eine Liberalisierung, die sogar allen zugutekommt? (Mittal 2014).

Und wie ist der Widerspruch zwischen Indian Penal Code Sec. 377 und Transgender Persons (Protection of Rights) Bill, 2016 zu bewerten, und in wie macht einem letztere von staatlicher Verkennung der Tatsachen (T* als "partly male, partly female", und das leidige Thema Intersex wird auch beigemengt...), sowie Anerkennung durch ein District Screening Committee abhängig? Geschweige, in welchen Bereichen ist erst gar kein Schutz vorgesehen? (Patnaik 2016)

Vor dem Hintergrund sehe ich nun übrigens auch hierzulande die "Dritte Option" etc. nicht so ganz unbefangen.

Twospirits sind wohl das Paradebeispiel einer besseren sozialen Stellung. Obschon es da längst auch zu üblen Konfikten kommt. In einer noch nicht allzuweit zurückliegenden Studie etwa berichteten 92% der American Indian und 84% der Middle Eastern Trans Students of Color über schlechte Erfahrungen in der Schule (James et al. 2015: 132 fig. 8.2). Und 49% der American Indian und 36% of Middle Eastern Trans Students of Color berichteten körperliche Angriffe (James et al. 2015: 133 fig. 8.5).

Es soll in Asien dereinst noch ein paar ganz interessante Gesellschaften gegeben haben, aber ich weiß nicht, was einem heute erwartete, würde man z.B. in Sibirien herumreisen (und ob die Leute ausgerechnet sich mit mir abgeben wollten? Shy). Und was nun aus Myanmar werden soll, blicke ich auch nicht.


Trotzdem nochmal eine kleine Leseliste für den Anfang:

James, S. / J. Herman / S. Rankin / M. Keisling / L. Mottet / M. Anafi (2015): The 2015 U.S. Trans Survey. http://www.transequality.org/sites/defau...-FINAL.PDF.

[Eine der oben bereits erwähnten Studien.]

Mazumdar, Mrinalini (2016): Hijra lives: Negotiating social exclusion and identities. MA thesis, Mumbai. http://www.academia.edu/27667511/HIJRA_L...IDENTITIES.

[Eine der oben bereits erwähnten Studien.]

Mittal, Devika (2014): We all should be out and proud. Countercurrents, 11 May 2014: http://www.countercurrents.org/mittal110514.htm.

[Eine oben bereits erwähnte kurze Einschätzung.]

Nanda, Serena (²1999): Neither man nor woman: The hijras of India. Belmond, CA: Wadsworth. http://www.academia.edu/6909001/Neither_...ND_EDITION.

[Die klassische Monographie zu Hijras.]

O’Flaherty, Wendy Doniger (1980): Women, androgynes, and other mythical beasts. Chicago, IL: Chicago UP.

[Keine einfache Lektüre, aber enthält viel zu geschichtlichem und religiös/mythologischem Hintergrund, dazu Beschreibungen vieler Phänomene, die eher weniger bekannt sind.]

Patnaik, Pranta Pratik (2016): Sexuality as a human right: Body, desire and the state. NIU International Journal of Human Rights 3: 113-119. http://niu.edu.in/Journal-of-human-right...3-2016.pdf.

[Eine oben bereits erwähnte gut durchdachte und ausführlichere Einschätzung.]
Noch ein kleines Update... Diesmal über Familien, die es auch besser machen Smile

Multiple generations, same-sex couples, many in-laws: the Indian family is changing (The Hindu)