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Sehr starke Depressionen - Druckversion

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Sehr starke Depressionen - Littlesweet234 - 04.03.2021

Hallo allerseits,
Ich habe mit meiner "Umwandlung" mit 14 Jahren angefangen und bin nun 27 Jahre alt.
Tatsächlich habe ich mich persönlich nie als "transfrau" identifiziert. In meinem Kopf bin ich biologische Frau. Ich war in der Schule usw. schon immer ein Mädchen. Hatte einen Freund usw.
Nun ich habe jetzt vor kurzem meine große Liebe verloren. Der hauptsächliche Grund war weil ich keine Kinder bekommen kann und er unbedingt eigene Kinder bekommen will.

Ich weiss nicht ob ihr mich da so gut verstehen könnt. Ich vergleiche mich dermaßen mit anderen biologischen Frauen und dieses TS ding ist wie ein enorm schwerer Rucksack der mich 100 minuspunkte nachhinten gegenüber ALLEN anderen bringt.

Das ich nicht Schwanger werden kann und er deshalb mit mir keine Zukunft gesehen hat, das hat mir so dermaßen das Herz rausgerißen, dass ich mich fast an diesem Abend umgebracht hätte. (wenn man das so sagen kann). 
Ich bin einfach wirklich verzweifelt und ich weiss nicht wie ich damit umgehen soll.
Ich habe das Gefühl ich habe keinen Wert mehr und egal wie toll ich wäre, ich könnte niemandem diese Zukunft geben und würde jedem was wegnehmen.
Ich hab versucht ein Therapieplatz zu bekommen aber es ist hoffnungslos alles belegt! keine Chance.
Ich habe jetzt schon eine kleine Familie und wenn die Sterben (mama und oma) werde ich einfach so einsam sein.
Ich sehe in eine dunkle Zukunft und ich weiss nicht wie ich da rauskommen soll. Ich bin wirklich zutiefst traurig.
Allein der Gedanke das eine andere Frau sein Kind in ihrem Bauch hat. ohman Sad

Ich musste das hier mal loswerden Sad


RE: Sehr starke Depressionen - Sunburst - 04.03.2021

Du hast recht, das ist scheiße. Um nicht zu sagen, Dein Ex ist ein Scheißkerl, Dir das anzutun Angry

Nichts gegen Kinder, aber ein Kinderwunsch ist keine Entschuldigung für Ruchlosigkeiten.

Schade, daß man meistens erst zu spät merkt, welche Vorstellungen Leute davon haben, was eine "Beziehung" denn nun sein soll Sad

Man sollte sich auch keine Illusionen machen, wie die meistens Cissen denn mal so drauf sind. Da kann man die bei weitem meiste Zeit seines Leben als Post-OP zugebracht haben, das geht denen nur am @*** vorbei.


RE: Sehr starke Depressionen - Mia - 05.03.2021

Dieser Beitrag hat mich irgendwie berührt.
Ihn verstehe ich, hab ich schon oft erlebt das eine oder einer von beiden einfach keine Kinder haben will oder kann. Das passiert oft.

Und dass du keine Kinder haben kannst damit musst du leben, es geht vielen Transfrauen gleich wie dir. Ich verdräng es auch obwohl es nicht immer einfach ist.
Man verdrängt ja vieles als Transfrau sonst würde ich zumindest vieles nicht durchstehen.


RE: Sehr starke Depressionen - Rabenmädchen - 08.03.2021

Hallo Littlesweet,
 
vielen Dank dafür, dein Erleben hier so offen darzustellen.
Sicherlich hat es dich Überwindung gekostet, und gleichzeitig zeigt es, wie alleingelassen du dich fühlst, wenn di dich an eine so öffentliche und gleichzeitig anonyme Gemeinschaft wie diese wendest.
 
Wahrscheinlich hilft es dir in deiner jetzigen Situation nicht viel, wenn du erfährst, dass dein Erleben fast alle trans Frauen durchmachen und mitmachen müssen.
 
Wir alle haben, wie Vanessa es in einem Nachbarforum so schön formuliert hatte, „eine gebrauchte Seele, die schon mindestens einmal gescheitert ist – mindestens in dem Versuch, im zugeordneten Geschlecht zu leben“.
 
Was dein Partner jetzt ausgelöst hat, ist nicht der unverschämte oder vielleicht gerechtfertigte Wunsch eines cis Menschen.
 
Er hat dir verdeutlicht, dass du – dass wir trans Frauen – keine Menschen sind, die das erfüllen können, was von als vollwertig verstandenen Frauen erwartet wird.
 
Dabei hilft uns auch nicht der Hinweis, dass es ja auch cis Frauen gibt, die z.B. keine Kinder bekommen wollen – denn die könnten ja, rein theoretisch.
 
Auch der Hinweis auf cis Frauen, die keine Kinder bekommen können, hilft nicht, da diese von einem guten Teil der Bevölkerung zwar offiziell als „schlimmes Schicksal“ bedauert, hinter der Hand aber auch als nicht vollwertige Frauen angesehen werden.
 
Immerhin wird denen ein schlimmes Schicksal attestiert, was bei trans Frauen selten der Fall ist.
 
 
Was also kann helfen?
 
 
Littlesweet, du bist eine Frau.
Eine Frau mit blauen Augen oder braunen, heller oder dunkler Hautfarbe, hetero, bi oder sonst was, trans oder cis, kannst Kinder bekommen oder nicht, hast Diabetes oder nicht, blondes Haar oder nicht.
Du hast viele Eigenschaften, die alle dich ausmachen.
Einige davon kannst du ändern, einige nicht.
Und manche deiner Eigenschaften versuchen andere zu ändern – oder sind verärgert, wenn ihnen das nicht gelingt.
 
Das ist dann aber deren Problem, nicht deines.
Vor allem ist es nicht deine Schuld.
 
Seng-Zhao sagte, Entenbeine seien nicht kurz, und Kranichbeine nicht lang.
Beide haben genau die Länge, die sie haben sollen.
Man solle nicht Gipfel einebnen und Täler auffüllen und dann sagen, sie seien nicht verschieden.
 
Littlesweet, du und ich, wir sind trans Frauen.
Das bedeutet, wir sind Frauen mit einigen besonderen Eigenschaften, die uns von einem imaginären Durchschnitt aller Frauen, dem Frauenbildklischee, unterscheiden.
 
So wie kaum eine andere Frau diesem Klischee entspricht.
 
„Trans“ ist ein Begriff, unter dem bestimmte Eigenschaften zusammengefasst werden, die einige Männer und einige Frauen betrifft.
 
Eine dieser Eigenschaften ist, dass diese Männer keine Kinder zeugen und diese Frauen keine Kinder bekommen können.
 
Das kann traurig machen, tatsächlich.
Vor allem, wenn der innere Wunsch dazu stark ist.
Gegen diesen inneren Wunsch können wir nicht viel tun.
Wir können aber mit ihm viel tun.
Wir können die Liebe, die wir unseren eigenen Kindern gerne schenken würden, anderen zukommen lassen, die sie auch brauchen.
Anderen Menschen, anderen Kindern, auch Adoptivkindern, Pflegekindern, aber auch Tieren, Pflanzen, Mitwelt.
 
Gerade durch unseren scheinbaren Mangel können wir die Welt zu einem etwas besseren Ort machen – und damit den Vorwurf ad absurdum führen, wir seien ein „Irrtum der Evolution“.
 
Wogegen wir aber etwas unternehmen können, sind die Vorhaltungen, die uns von außen gemacht werden.
 
Das Bild, dem wir nur wahrhaft entsprechen können, darf stets nur das Bild, das wir von uns selber haben – nie das, wie andere uns gerne hätten.
 
Wir sind Subjekte, nicht Objekte anderen Wollens.
 
Hier passt das Kant’sche „Der Mensch darf niemals Mittel zum Zweck sein.“
 
 
Dein Exfreund, liebe Littlesweet, hat noch viel zu lernen.
 
Vielleicht wirst du ihm eines Tages verzeihen können.
 
Tu nichts, was du DIR nicht verzeihen würdest.

Heart


RE: Sehr starke Depressionen - Littlesweet234 - 09.03.2021

Danke <3
Ja das stimmt! oft denke ich wenn die Liebe stark ist dann kann sie alles schaffen aber vllt. ist der Kinderwunsch (auf diese Weise) wohl manchmal stärker.
Ich muss das wohl irgendwie akzeptieren und meinen Weg finden Sad das ist leider nur so anstrengend und schwer aber das kennen wir wohl alle irgendwie.


RE: Sehr starke Depressionen - Rabenmädchen - 09.03.2021

(09.03.2021, 20:03)Littlesweet234 schrieb: Ich muss das wohl irgendwie akzeptieren und meinen Weg finden Sad

Dazu schreib ich dir morgen was.
Jetzt muss ich in die Heia.
GN8 Sleeping


RE: Sehr starke Depressionen - Stef. - 09.03.2021

Hallo Littlesweet.
"Hmm" Hab mich soeben registriert weil ich das gelesen habe und auch schreiben will. 
Tut mir leid das deine liebe am Kinderwunsch deines Partners scheiterte.
Ich hoffe du kommst schnell aus deinem Stimmungstief und schöpft neuen Mut.

Ich bewundere so manche von euch. Daydream

Es fühlt sich für mich seltsam an dies so zuzugeben,
auch wenn ich hier anonym sein soll.

Gute Besserung


RE: Sehr starke Depressionen - Rabenmädchen - 11.03.2021

Guten Morgen Littlesweet,
 
 
du meintest, es akzeptieren zu müssen, keine eigenen Kinder bekommen zu können, und dass dich das traurig macht.
 
Die Welt ist voller Geschichten von Austern, die erst von einem Sandkorn verletzt werden müssen, um eine Perle hervorzubringen.
 
Du hast natürlich Recht.
 
Andere mögen sich an der Perle erfreuen – für die Auster ist sie auszubilden eine Last und Qual und Schmerz, und sie drückt immer noch, wenn sie als fertige Perle zwischen Muschelschale und Fleisch lagert.
 
Von außen bleibt die Auster schroff und kantig, und erst nach ihrem Tod sehen andere das Schöne, was sie hervorgebracht hat.
 
Dies kann kaum eine Metapher für ein gelungenes menschliches Leben sein.
 
 
Vielleicht hilft dir die Geschichte meines Avatars.
 
Mir ging es selber jahrelang so, dass mir einfach die Tränen aus den Augen liefen vor Schmerz und Zorn und Trauer, dass ausgerechnet ich Transsexualität haben muss.
Warum konnte ich nicht einfach eine Frau oder wenn’s sein müsste ein Mann sein wie andere auch?
 
Warum schwebte ich nicht majestätisch wie ein Adler, am Himmel, über den irdischen Kümmernissen?
Warum war ich kein Pfau, schön und prächtig?
Warum kein Paradiesvogel, bunt und schillernd, hin und her flatternd und das Leben in seiner Vielfalt genießend?
Warum kein Phoenix, der aus der Asche seiner „männlichen“ Existenz zu einem neuen sorglosen Leben aufstieg?
 
Vor einiger Zeit im Winter sah ich einen Raben, wie er zu Fuß gegen einen Schneesturm im wahrsten Wortsinne „anging“.
Ein Mal flatterte er kurz auf, hatte wohl überlegt „Warum fliege ich eigentlich nicht?“, wurde vom Sturm ein paar Meter nach hinten geweht, schüttelte sich und ging weiter zu Fuß gegen den Sturm.
 
Es hatte lange gedauert, bis ich verstand, was mir dieses Erlebnis sagen wollte.
 
Der Rabe hatte nicht aufgegeben.
In einem Wetter, in dem das Feuer des Phoenix erfriert, die Schönheit des Pfaus verblasst, der Adler sich in seinem Horst versteckt und der Paradiesvogel auf einem Ast zittert, da war er seinen Weg gegangen.
Den Weg ging, der nur er gehen konnte, und er würde ihn so gut gehen, wie es ihm – und nur ihm – möglich war, und es war ihm vollkommen gleichgültig, wie andere ihn und seinen Weg beurteilten.
 
 
Deshalb trage ich sein Bild auf meinem Körper.
Als ich den Raben verstand, wurde ich zum Rabenmädchen.
 
 
Littlesweet, du bist etwas Besonderes, und dies Besondere ist es wert, gelebt zu werden. Favorite


RE: Sehr starke Depressionen - Littlesweet234 - 13.03.2021

Danke dass hast du sehr toll geschrieben!!!!
Ich bin schockiert wie sehr mich das nun prägt Sad
Ich hab da echt das gefühl meine zukunft ist so leer Sad


RE: Sehr starke Depressionen - Rabenmädchen - 13.03.2021

(13.03.2021, 14:21)Littlesweet234 schrieb: Ich hab da echt das gefühl meine zukunft ist so leer Sad

Das mag jetzt abgedroschen klingen, aber:
Was wäre daran so schlimm?
 
In ein volles Gefäß passt nichts mehr hinein.
Eine kompett vorgeplante Zukunft kann nur noch weggelebt werden.
 
Eine "leere" Zukunft hingegen kannst du frei gestalten, so, wie sie für dich richtig ist.

So viel Freiheit KANN Angst machen.
Sei zuversichtlich und vertrau dir selbst. Heart2