Identitätsprobleme in der Pubertät
RE: Identitätsprobleme in der Pubertät
Beitrag #21
Hallo 3-fachMama Smile
ich kann dich gut verstehen. Im Endeffekt zieht man eine Tochter auf und plötzlich will sie als Junge wahrgenommen werden. Das haut einem mal aus der Bahn. Meine jüngste Tochter mag Sachen, die Jungs auch gerne tun. Fußball. Autos. Technik usw. Daher bestand sogar die Sorge meiner Exfrau, ich hätte die Transsexualität ihr vererbt. Bis heute will sie auch ein Mädchen sein auch als solches wahrgenommen werden. Bis zum meinem 17. Lebensjahr war auch ich ein ganz stinknormaler Junge. Und plötzlich kam´s. Ich hasste meine Körperbehaarung, hoffte, dass mir die Brust wächst, wollte nur noch als Mädchen leben, wollte sterben als Junge, als Mädchen wiedergeboren werden. Ich kaufte mir Mädchensachen, zog sie heimlich im Bad an, weil meine Mutter ja nicht dahinterkommen sollte. Dafür habe ich mich geschämt. Und irgendwie auch nicht. Sie hat bemerkt, dass ich mir die Beine rasierte, mir Mädchenpyjamas anzog usw. Ein paar Wochen später hat sie mich am Arm gepackt, mich in die Küche gezerrt und mir prompt vor den Füßen geworfen: >>Lass dich doch umoperieren!<< Neben mir mein kleiner Bruder, der ein breites Grinsen im Gesicht hatte. Ich habe mich sowas geschämt, dass ich mein Mädchendasein aufgab und bis zu meinem offiziellen Outing nach 17 Jahren (bin 36) total unglücklich war. Was ich mir gewünscht hätte, wäre ein ruhigere Art von meiner Mutter gewesen, einen Ort, an dem wir alleine darüber reden konnten, was in mir vorgeht. Wir hätten eine Therapie ermöglichen können usw.
Und ich sag ehrlich: sie hat es bis heute nur schwer akzeptiert, dass ich jetzt ein Tochter bin. Du kannst für deinen Jungen da sein. Habe ein Ohr für ihn und begleite seinen Weg. Aufhalten kann man diese Situation nicht. Es ist sozusagen eine Veränderung im Gehirn, die halt das eigentliche Geschlecht vorgibt. Da kann man nicht aus.

Du machst es richtig. Du beschäftigst dich mit dieser Situation. Auch wenn es für dich nicht leicht ist. Aber auch für Transmenschen ist es nicht leicht. Ich wünsche euch beiden und deiner restlichen Familie alles Gute. Seid stark und wischt alles negative weg, was euch im Umfeld um die Ohren fliegt. Und seid aufnahmebereit für alles positive. Denn das überwiegt! Denn sowas von zufrieden in meinem Körper war ich schon lange nicht mehr....
Viele Grüße
Meandra
Wir Transfrauen sind etwas Besonderes, mit einem speziellen Gen Heart
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RE: Identitätsprobleme in der Pubertät
Beitrag #22
Liebe Meandra,
Dies Zeilen sind toll und sehr einfühlsam aber auch ausdrucksstark zugleich - genau für solche Beträge würde ich mir einen "Like Button" wünschen. 
DANKE
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Du kannst auch auf meinem Blog - martinatvblog.wordpress.com - ein wenig über mich nachlesen Blush
Über Feedback freue ich mich immer  Heart
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RE: Identitätsprobleme in der Pubertät
Beitrag #23
(16.10.2017, 10:52)Martina schrieb: .... genau für solche Beträge würde ich mir einen "Like Button" wünschen. 
...

Ich habe einen solchen Button auch schon mehrfach gesucht. Blush 

Vielen Dank Meandra für diese tollen Zeilen!

Der Prozess läuft und wir versuchen alles erst einmal unvoreingenommen anzunehmen. Heute habe ich ein kurzes Vorgespräch mit der kinderpsychologischen Klinik hier, ohne unser Kind. Sie hat ja Schule und sie weiß, das es erst einmal nur um Abklärung einer Hilfsmöglichkeit geht. Wenn die von sich aus sagen, das sie dafür falsch sind, sparen wir uns ein ja durchaus auch schwieriges Gespräch fürs Kind. So jedenfalls sieht sie selbst das. Aber sie hofft, es passt dort alles, für den Anfang wenigstens. Kommende Woche dann Termin bei der HÄ, ohne deren Überweisung es ja leider nicht geht. Mal sehen, wie offen man diesem Thema gegenüber ist.
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RE: Identitätsprobleme in der Pubertät
Beitrag #24
Hallo...

Den Termin heute hätte ich mir sparen können und meinem Kind habe ich das zum Glück auch. Zusammenfassend könnte man sagen lautet deren Denkweise "das ist krank, das muss weg..." Geht also mal gar nicht.

Da ich danach bei meiner eigenen Psychologin war, habe ich das Thema dort mal angesprochen und das war sehr gut so. Jetzt habe ich einen Anlaufpunkt in der Charite bekommen, wo es ein interdisziplinären Zentrum extra für diesen Bereich gibt. Dort rufe ich morgen an! Könnte ein paar gedrückte Daumen brauchen, bitte.

Habe heute auch noch einmal länger mit unserem Kind gesprochen und es tut gut zu sehen, wie sie sich nach und nach öffnet. Scheint alles schon länger in ihr zu arbeiten, seit sie 10 ist ungefähr. Sie hofft jetzt sehr auf Berlin und ich hoffe auch.
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RE: Identitätsprobleme in der Pubertät
Beitrag #25
Schlimm, dass es immer noch solche ewig gestrigen gibt wie den, an den du zuerst geraten bist, schön dass du eine Alternative gefunden hast, ich drücke euch ganz feste beide Daumen! Smile
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RE: Identitätsprobleme in der Pubertät
Beitrag #26
Ja, soetwas (... Denkweise "das ist krank, das muss weg..." ...) ist leider immer noch zu finden, sogar in Mitteleuropa... Facepalm

(16.10.2017, 20:27)Dreifachmama schrieb: ... Anlaufpunkt in der Charite bekommen, wo es ein interdisziplinären Zentrum extra für diesen Bereich gibt. Dort rufe ich morgen an! Könnte ein paar gedrückte Daumen brauchen, bitte...

Ich denke, dass Ihr dort kompetentere Ansprechparter/innen habt Smile

https://diversity-netzwerk.charite.de/fi...rechst.pdf https://diversity-netzwerk.charite.de/fi...lyer_7.pdf https://diversity-netzwerk.charite.de/pr..._vielfalt/
Zitat:Das "Diversity Netzwerk - Gelebte Vielfalt an der Charité" lädt alle Beschäftigen und Studierenden zur Vortrag-Workshop-Reihe "Trans*- und Intersexualität im Gesundheitssystem" 2016/17 ein.
Dr. med. Annette Gueldenring schrieb:https://diversity-netzwerk.charite.de/fileadmin/user_upload/microsites/ohne_AZ/sonstige/diversity/fest_der_vielfalt2015/Trans_Folien_Annette.pdf

Diskriminierungen im Gesundheitssystem
(Sauer, Güldenring, Tuider, 2015 Queering Trans* Gesundheit)
  • Trans Menschen sind auf die Medizin angewiesen

  • Medizin/Psychologie fungieren als „Geschlechtsbestimmungsinstanz“ und kontrollieren den Zugang zum Gesundheitssystem
    • Voraussetzung: Irgendeine Pathologie
  • In der klassischen Medizin sind nicht vorgesehen:
    • Selbstbestimmung
    • Transparenz
    • Partizipation
  • 50% der Trans*Menschen fühlen sich im dt. Gesundheitssystem diskriminiert

  • Der Gesundheitsbereich ist der „zweitbelastendste“ aller Bereiche
    • Z.B. Nicht im Identitätsgeschlecht angesprochen zu werden
    • Aktive Diskriminierungen im Sozial-Pflegebereich
    • Betten im Zimmer des nicht empfundenen Geschlechts
    • Der Zugang zu nicht trans*bezogenen Gesundheitsbedarfen wird erschwert oder verweigert
    • Vermeidung von Gesundheitsleistungen, die nicht trans* bezogen sind
  • Kostenbeantragungsverfahren
    • Lange Wartezeiten (42 % der Befragten unzufrieden)
    • Hohe Ablehnungsrate
    • Ungewissheit, Zunkunftsunsicherheiten, Abhängikeiten von der Verfügungsgewalt anderer

Strukturelle Mängel
  • Transgesundheitsversorgung auf wenige Zentren in Deutschland begrenzt
  • Unterversorgung in Angeboten niedergelassener Therapeut_innen
  • Erheblicher Ausbildungsrückstand und mangelndes Wissen
  • Kaum Behandlungsangebote für trans* Kinder und Jugendliche
  • MDS Richtlinien als Gate Keeper
Alex Gastl schrieb:https://diversity-netzwerk.charite.de/fileadmin/user_upload/microsites/ohne_AZ/sonstige/diversity/fest_der_vielfalt2015/Kognitiver_Blick_auf_K%C3%B6rper_und_Geschlecht_Zum_Weitergeben.pdf

Worum geht‘s?
  • Alle Menschen haben kognitive Biases: Niemand von uns nimmt eine objektive Realität wahr, ohne Filter und ohne Verzerrungen. Das ist nicht böswillig oder sonstwie intentional, es passiert einfach unbewusst.
  • Bei ÄrztInnen wirken sich solche Biases auf die gesamte Interaktion mit allen PatientInnen aus -> Sie können beispielsweise zu Fehldiagnosen führen
  • Trans*-Menschen und intersexuelle Menschen sind von einigen dieser Biases in besonderem Maße oder auf besondere Art und Weise betroffen (Erläuterung folgt gleich)...



OT: Einen "Like"-Button gibt es absichtlich nicht in diesem Forum, wenn man sich bei jemandem bedanken mag, dann bitte per Antwort-Beitrag (wie hier im Thread geschehen) oder via Privat-Nachricht Wink2
Der Duft der Dinge ist die Sehnsucht,
die sie in uns nach sich erwecken.
Christian Morgenstern
(1871-1914)

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RE: Identitätsprobleme in der Pubertät
Beitrag #27
(Gestern, 04:16)Bonita schrieb: Ja, soetwas (... Denkweise "das ist krank, das muss weg..." ...) ist leider immer noch zu finden, sogar in Mitteleuropa... Facepalm

Meine Ärzte haben zum Glück kein Problem mit meiner Transidentität, für die ist das normal. Anderenfalls hätte ich auch schon lange nach Alternativen gesucht.
Aber wovon ich ein Lied singen kann, ist die Bürokratie im Gesundheitssystem, da hat man echt nur Probleme, wenn man transident ist.
Der neuste Witz, den ich erleben durfte, ich bin in der falschen Krankenkasse gelandet, das heißt im Augenblick wird sich die Familienplanung noch länger hinziehen. Aber das kann ich dir alles mal in Ruhe erzählen.
Bürokraten im Gesundheitssystem gehören echt zu den Menschen, die ich so gar nicht leiden kann. Wie die einen teilweise behandeln... schlimm. Sick3
Zu viel Wahrheit wird nicht erkannt; Zu viel Tod am Wegesrand.
Erst auf den zweiten Blick; Erkennst du was dahinter steckt.
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