Trans*Identität und Borderline (und Selbstzweifel)
Trans*Identität und Borderline (und Selbstzweifel)
Beitrag #1
Ich versuche gerade herauszufinden, in welcher Weise meine Trans*Identität meine Borderline-Störung beeinflusst und umgekehrt.

Hintergrund ist, dass ich demnächst ein Vorgespräch für eine psychotherapeutische Trans*Gender-Gruppe habe und Angst habe, dass ich dort hingehe, meine Borderline-Diagnose erwähne, und als Antwort etwas in die Richtung "Sie nicht nicht trans*, sondern nur persönlichkeitsgestört" bekomme. (Vielleicht ist es aber auch nur Borderline, das mir das sagt, weil es Spaß daran hat, mich permanent an mir selbst zweifeln zu lassen)

Wenn ich Berichte von Trans*Personen lese/höre, dann lese/höre ich da meist, wie sie schon sehr früh wussten, dass das ihnen bei der Geburt zugewiesene Geschlecht nicht ihres ist. Mir wurde das erst mit 21 bewusst - vielleicht hängt das aber auch damit zusammen, dass ich den Begriff "non-binary" erst zu diesem Zeitpunkt kennengelernt habe, und davor einfach akzeptiert habe, dass ich mich einem der beiden Pole zuordnen muss. Vielleicht ist es aber doch "nur" eine länger anhaltende Identitätskrise, die mit meinem Loslösungsprozess von meinen Eltern in Zusammenhang steht (der sehr problematisch verlief/verläuft), die sich am Ende darin auflöst, dass ich gerne (wieder) als Frau gelesen werden möchte, während der ich meinen Eltern aus Wut und Verzweiflung heraus vor allem zeigen möchte, dass ich nicht das Mädchen und die Tochter bin, zu der sie mich in meiner Kindheit und Jugend gemacht haben.

Ich komme aus einem Elternhaus, in dem es sehr viel Kontrolle gab, was es für mich schwer gemacht hat, ein Gefühl einer eigenen Identität zu entwickeln (ich war also mehr oder weniger gezwungen, einfach das zu sein, was andere aus mir gemacht haben) - deswegen scheint es mir aber wiederum auch naheliegend, dass das Bewusstsein für meine Geschlechtsidentität erst dann kommen konnte, als die Borderline-Symptomatik endlich etwas ruhiger wurde.

Ich kann mir auch vorstellen, dass es auch wirklich schwer war, (bewusst oder unbewusst) über mein Geschlechtserleben nachzudenken, während ich über mehrere Jahre vor allem damit beschäftigt war, von meiner Borderline-Diagnose wieder zum Menschen werden zu dürfen.

Ich meine, ich hatte nie das Bedürfnis, besonders weiblich herüberzukommen (fand Schminken und eng anliegende oder weit ausgeschnittene Kleidung immer doof), habe zwar BH getragen und mir die Beine rasiert, aber nie verstanden, warum ich das eigentlich mache (okay, ich habe es schon verstanden, nämlich aus sozialem Druck heraus). (Nur Röcke habe ich immer gerne getragen (wobei ich mittlerweile sowieso finde, dass es akzeptiert sein sollte, sich als Mann zu fühlen und trotzdem Rock zu tragen, weil das ein unglaublich praktisches Kleidungsstück ist)). Ich habe oft Aussagen von Jungen in Richtung "Ich verstehe nicht, warum Mädchen xyz machen" bestätigt, habe mich von Jungen immer eher mehr verstanden und repräsentiert gefühlt als von Mädchen.
Aber kann ich deshalb schon sagen: "Ich war nie weiblich, ich wusste es nur nicht."?
Zitat

RE: Trans*Identität und Borderline (und Selbstzweifel)
Beitrag #2
(03.08.2019, 20:36)Philipp Felina schrieb: Ich versuche gerade herauszufinden, in welcher Weise meine Trans*Identität meine Borderline-Störung beeinflusst und umgekehrt.

Das ist ein sehr schwieriges Thema. Angefangen damit, daß, mit Verlaub, "Transidentität" und "Borderline" Wörter für einen jeweils extrem großen Gegenstandsbereich sind.

(03.08.2019, 20:36)Philipp Felina schrieb: Hintergrund ist, dass ich demnächst ein Vorgespräch für eine psychotherapeutische Trans*Gender-Gruppe habe und Angst habe, dass ich dort hingehe, meine Borderline-Diagnose erwähne, und als Antwort etwas in die Richtung "Sie nicht nicht trans*, sondern nur persönlichkeitsgestört" bekomme. (Vielleicht ist es aber auch nur Borderline, das mir das sagt, weil es Spaß daran hat, mich permanent an mir selbst zweifeln zu lassen)

Mit aller Vorsicht gesagt, für den/die Therapeut(in)/Gruppenleiter(in) kann man nun schwerlich garantieren.

Natürlich ist das in der Vergangenheit immer mal wieder vorgekommen, daß sich Psychs in irgendwelche Ideen verrannt haben und trans* Klienten einen Haufen Bullsh*t auftischten. Borderline gehörte ja mal zu den großen Hypes der Psycho-Szene Sad

Es muß aber nun nicht unbedingt der Super-GAU eintreten.

(03.08.2019, 20:36)Philipp Felina schrieb: Wenn ich Berichte von Trans*Personen lese/höre, dann lese/höre ich da meist, wie sie schon sehr früh wussten, dass das ihnen bei der Geburt zugewiesene Geschlecht nicht ihres ist.

Kann sein, muß aber nicht.

(03.08.2019, 20:36)Philipp Felina schrieb: Mir wurde das erst mit 21 bewusst - vielleicht hängt das aber auch damit zusammen, dass ich den Begriff "non-binary" erst zu diesem Zeitpunkt kennengelernt habe, und davor einfach akzeptiert habe, dass ich mich einem der beiden Pole zuordnen muss.

Welche Konzepte einem zur Verfügung gestellt werden, mag durchaus eine nicht zu unterschätzende Rolle spielen.

Gesellschaften mit nicht-binären Geschlechtersystemen kannte ich zwar schon lange Blush, aber wie sich Non-Binarism in europäischen und nordamerikanischen Gesellschaften darstellen kann, war für mich dennoch vor nicht gar zu langer Zeit immer noch relatives Neuland.

(03.08.2019, 20:36)Philipp Felina schrieb:  Vielleicht ist es aber doch "nur" eine länger anhaltende Identitätskrise, die mit meinem Loslösungsprozess von meinen Eltern in Zusammenhang steht (der sehr problematisch verlief/verläuft), die sich am Ende darin auflöst, dass ich gerne (wieder) als Frau gelesen werden möchte, während der ich meinen Eltern aus Wut und Verzweiflung heraus vor allem zeigen möchte, dass ich nicht das Mädchen und die Tochter bin, zu der sie mich in meiner Kindheit und Jugend gemacht haben.
Ich komme aus einem Elternhaus, in dem es sehr viel Kontrolle gab, was es für mich schwer gemacht hat, ein Gefühl einer eigenen Identität zu entwickeln (ich war also mehr oder weniger gezwungen, einfach das zu sein, was andere aus mir gemacht haben) - deswegen scheint es mir aber wiederum auch naheliegend, dass das Bewusstsein für meine Geschlechtsidentität erst dann kommen konnte, als die Borderline-Symptomatik endlich etwas ruhiger wurde.

Ja, leider Sigh Wie es in manchen Familien zugeht, ist tatsächlich nicht sehr hilfreich Sad

(03.08.2019, 20:36)Philipp Felina schrieb: Ich kann mir auch vorstellen, dass es auch wirklich schwer war, (bewusst oder unbewusst) über mein Geschlechtserleben nachzudenken, während ich über mehrere Jahre vor allem damit beschäftigt war, von meiner Borderline-Diagnose wieder zum Menschen werden zu dürfen.

Was haben die Dir nur angetan!? Sad

(03.08.2019, 20:36)Philipp Felina schrieb: Ich meine, ich hatte nie das Bedürfnis, besonders weiblich herüberzukommen (fand Schminken und eng anliegende oder weit ausgeschnittene Kleidung immer doof), habe zwar BH getragen und mir die Beine rasiert, aber nie verstanden, warum ich das eigentlich mache (okay, ich habe es schon verstanden, nämlich aus sozialem Druck heraus). (Nur Röcke habe ich immer gerne getragen (wobei ich mittlerweile sowieso finde, dass es akzeptiert sein sollte, sich als Mann zu fühlen und trotzdem Rock zu tragen, weil das ein unglaublich praktisches Kleidungsstück ist)). Ich habe oft Aussagen von Jungen in Richtung "Ich verstehe nicht, warum Mädchen xyz machen" bestätigt, habe mich von Jungen immer eher mehr verstanden und repräsentiert gefühlt als von Mädchen.
Aber kann ich deshalb schon sagen: "Ich war nie weiblich, ich wusste es nur nicht."?

Ich finde es nicht sehr empfehlenswert, das so "objektivistisch" abzuhandeln zu versuchen. Wie Du Deine Erfahrungen verarbeitest, bewertest, und darüber sprichst, ist Deine ureigenste Angelegenheit.
Προσποιοῦμαι παίζειν [Bild: heulende-smilies-0003.gif] [Bild: religioese-smilies-0005.gif]
Zitat



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