Noch mal 20 sein, und das heute und jetzt
RE: Noch mal 20 sein, und das heute und jetzt
Beitrag #21
(23.03.2021, 16:51)Maraki schrieb: Habe keine Ahnung, aus welcher Zeit ihr alle kommt

Genaueres steht in meinem Profil und in etlichen Beiträgen. Ich würde sozusagen der Nach-Casablanca-Generation angehören, noch vor der Herausbildung "klassischer TS". Ja, ich bin alt, und das reflektiert sich nicht nur in meinen Ansichten [Bild: smilie_tra_067.gif]

(23.03.2021, 16:51)Maraki schrieb: Ich lebe unauffällig und ich glaube, wenn es einige wissen würden, wären sie vielmehr enttäuscht, daß ich es ihnen vorenthalten habe.


Ich bin aus anderen Gründen nicht unauffällig Big Grin Aber lassen wir das Shy

Ich habe mich von den queeren Euphorien der 90er Jahre mal mitreißen lassen, aber eigentlich haben sich viele Leute eh nicht für mich interessiert. Was soll's?

(23.03.2021, 16:51)Maraki schrieb: Wir leben in einer Gesellschaft, die nur zwischen Mann und Frau einordnet..und ich finde das sehr gut.

Ich nicht. Und das ist gut so.

(23.03.2021, 16:51)Maraki schrieb: Ich persönlich finde die Bezeichnung "3.Geschlecht" nicht gut

Naja, तृतीयाप्रकृति tṛtīyāprakṛti kann so vieles bedeuten.

(23.03.2021, 16:51)Maraki schrieb: Im übrigen bezweifle ich es, auf langzeit richtig glücklich zu werden, wenn man sich auf Dauer gesellschaftlich von der Masse abhebt... Dr Mensch neigt dazu, um dazugehören zu wollen... Man kann es vielleicht mal paar Jahre mitmachen, ist aber auf Dauer nicht sozialverträglich.. man sollte in der Gesellschaft schon unauffällig sein, sonst erntet man auf Langzeit psychisch keine tollen Ergebnisse

Würde ich so nicht sagen.

Ich persönlich mag es sicher nicht, herausgestellt zu werden, aber ich bin ein bißchen freakig, und Konformismus ist bestimmt nicht meins.

Aber jenseits konkreter Situationen macht es nicht viel Sinn, darüber zu spekulieren, wie was denn gegenbenenfalls sein könnte. In meinem Alter und meiner Lebenssituation schon gar. Da ist echt nicht mehr so viel los wie früher.
»Banana, nirvana, mañana«
(Gong: Radio Gnome Invisible, 1973)
Zitat

RE: Noch mal 20 sein, und das heute und jetzt
Beitrag #22
(23.03.2021, 23:19)Sunburst schrieb: Ich habe mich von den queeren Euphorien der 90er Jahre mal mitreißen lassen, aber eigentlich haben sich viele Leute eh nicht für mich interessiert. Was soll's?
Das tut mir für dich sehr leid ... Ich weiß zwar nicht, was du genau mit Euphorie meinst, aber Euphorien gab es in den 90ern nie. Im Gegenteil. Den Personenstand konnte man nicht so leicht ändern wie es heute der Fall ist. Man musste damals eine OP nachweisen. Alltagstest  und 6 wöchiger Klinikaufenthalt von uns, die damals Anfang 20 waren, musste durchgezogen werden, um Differenzialdiagnostisch andere Erkrankungen auszuschließen. Ansonsten gab es kein Gutachten. Von einer Euphorie war keine Spur. Zumindest in DE nicht. Reden durfte man auch nicht darüber, denn die Anfängen der 90er Jahre waren durch die 80er Jahre, wo das TSG erst einzug hielt, noch sehr behaftet von Vorurteilen. 
Damals gabs noch viel Gewalt gegen TS. Heute nichtmehr.. Heute erhält man die Änderung des Personenstandes ohne OP, man redet offen über das Thema... das waren nicht wir. Mein Psychiater hat mich immerwieder darauf aufmerksam gemacht, meine GAOP soweit es möglich ist, zu verheimlichen. Ich wundere mich , wenn ich der heutigen Generation zuhöre, wie schnell es möglich ist, ein Gutachten zu erhalten. 
Cry
Zitat

RE: Noch mal 20 sein, und das heute und jetzt
Beitrag #23
(24.03.2021, 00:45)Maraki schrieb: Ich weiß zwar nicht, was du genau mit Euphorie meinst, aber Euphorien gab es in den 90ern nie.

Bei Queers in N Amerika war das schon weiter verbreitet. In D außerhalb etwas progressiverer Zirkel wahrscheinlich leider tatsächlich nicht so.

Die 80er fand ich im Großen & Ganzen übrigens auch nicht gerade die Hellsten Facepalm Man konnte aber immer noch vieles unterlaufen.

Meine eigene Begutachtung lief völlig problemlos. Mit Therapie hatte das allerdings rein gar nichts zu tun. Eigentlich war das verantwortungslos, aber heute kann ich darüber lachen.
»Banana, nirvana, mañana«
(Gong: Radio Gnome Invisible, 1973)
Zitat

RE: Noch mal 20 sein, und das heute und jetzt
Beitrag #24
Hey zusammen,

ich möchte gerne diesbezüglich auch mal meine Meinung mit euch teilen. Ich habe mir auch sehr viele Gedanken gemacht:
-Warum hast du diesen Schritt nicht eher gewagt?
-Was wäre gewesen wenn du dich eher getraut hast?
-Wie würdest du nun aussehen wenn du vor der Pubertät mit der Hormontherapie angefangen hättest?

Die Liste lässt sich endlos weiterführen.

Ich habe für mich erkannt, dass es gut so ist wie es ist. Hätte ich vorher "angefangen" hätte ich vielleicht festgestellt, dass es nicht das richtige für mich ist und wäre unter Umständen trotzdem unglücklich gewesen. Alles was ich bislang in meinem Leben erlebt habe hat mir geholfen an diesen Punkt zu kommen. Ich weiß wer ich bin und was ich mir wert bin und habe genug Selbstbewusstsein über die Jahre erlangt, sodass ich nun auch die Kraft habe mein Ding zu machen und zu mir zu stehen.

Das ist das was ich mir für alle Transgender wünsche. Leider wird es von der Gesellschaft immer noch nicht besonders gut aufgenommen, dass es Menschen gibt, die sich in ihrem Körper nicht wohlfühlen.. Da muss man sich schon ein dickes Fell aneignen und sich auch oft selbst verteidigen. Diese Kraft hatte ich mit 20 bei weitem nicht.

Alles Gute,
Claudia
Wer die Menschen behandelt wie sie sind, macht sie schlechter. Wer sie aber behandelt wie sie sein könnten, macht sie besser. - Johann Wolfgang von Goethe
Zitat

RE: Noch mal 20 sein, und das heute und jetzt
Beitrag #25
Nochmal 20 sein...
Ich bin in einer Zeit und einem Land aufgewachsen ohne Internet und ohne freien Zugang zu Informationen. Ich habe bis zu meinem 40ten Lebensjahr gebraucht um überhaupt die Informationen zu bekommen um zu erfahren "was" ich bin. Von daher, ja ich würde gern jetzt nochmals 20 sein. Ohne Verurteilung und Kritik aufzuwachsen nur weil man eine Frage gestellt hat die nicht in die staatlich verordneten Mann/Frau Rollen passte.
Ich weiß nicht in welche Richtung ich mich entwickelt hätte und wer ich heute wäre. Ich weiß nicht einmal jetzt ob ich als Mann oder Frau leben möchte, da sich meine gefühlten Geschlechter abwechseln. Ich kann jetzt in den Spiegel schauen und sehe mein männliches Ich und es geht mir gut. Ich schaue in einer Stunde in den Spiegel und möchte den Spiegel zerschlagen weil das was ich sehe nicht Ich bin. Nach einem Jahr Psychologe, Psychotherapeut und regelmäßiger Hormonstatusbestimmungen kam die Psychologin zur Diagnose F64.9.
Ich war also genauso schlau wie vorher. Erst längere Zeit später kam das Wort Bigender in Spiel. Für mich selbst trifft es das am besten, auch wenn man nicht wirklich viele Informationen dazu findet.
Also nochmals, ja ich wäre heute gern 20. Allein die Möglichkeiten die sich dadurch für meine Entwicklung und Entscheidungen erschließen würden, lassen es für mich sehr interessant erscheinen.
Zwischen dem was ich fühle und dem was ich bin haben ich Angst zu verlieren wer ich bin....
Zitat

RE: Noch mal 20 sein, und das heute und jetzt
Beitrag #26
Hallo Tatjana, guten Morgen und danke für deinen offenen Beitrag.
Den Begriff Bigender kannte ich noch nicht, ist das etwas anderes als „Fluid“?
Als Bigender hast du es bestimmt schwer, in deinem Anderssein ernst genommen zu werden.
Es erscheint Außenstehenden als so bequem, so hedonistisch, zwischen den Geschlechtern switchen zu können, heute Frau, morgen Mann, wie es gerade gefällt, und sich nie festlegen zu müssen.
Wer sieht schon die dahintersteckende Not, nirgendwo richtig zu Hause zu sein?
 
Einer meiner Bekannten erlebt das so.
Zu einem Stammtisch kam er zu spät und im Schlabberlook, weil er sich zu Hause gefragt hatte, was er gerade sei – und somit anziehen solle.
Männlich?
Oder doch damenhaft schick, mit Korsage?
Dann fiel ihr ein, dass sie nicht gut darin sitzen könne.
Also zog sie sich wieder um.
Fühlte sich aber nicht als Mann.
Also wieder zurück.
Ende vom Lied war der androgyne Schlabberlook – der nur nach außen zeigte, wie es in ihr/ihm innerlich ausschaute.
 
Du hast natürlich Recht:
CD F64.9 - Störung der Geschlechtsidentität, nicht näher bezeichnet.
Das ist eine sehr verwaschene Diagnose und hilft dir nicht wirklich weiter.
Du sagst ja selbst, du BIST manchmal Frau, aber dann später auch wieder Mann.
 
Ich kenne einen Fluiden, der „ein wenig“ Östro nimmt, um sich eher in beiden Gechlechtern aufhalten zu können.
 
Was machst du?
Nicht zu hassen - um zu lieben bin ich da (Antigone)
Zitat

RE: Noch mal 20 sein, und das heute und jetzt
Beitrag #27
 
Ich kann mich auch sehr gut an die Zeit ohne Internet erinnern.
Nicht, weil es das nicht gegeben hätte.
Das nicht.
Es war zu Anfang, ohne Flatrate, unerschwinglich teuer für uns.
Manche surften zum Telefon-Nachttarif, um ein paar Cent (oder waren es noch Pfennige?) zu sparen.
Die Verbindungen über Modem waren langsam, wenn sie nicht einfach zusammenbrachen.
Und schließlich durfte ich das Netz nur für die Firma nutzen.
Ich kam gar nicht auf die Idee, nach Informationen über trans zu suchen.
 
Und wie war es vorher?
Wie in „Danish Girl“.
„Man“ schleicht sich in eine Bibliothek und sucht nach perversen Geschlechtsentwicklungen.
Allein zuhaus im Brockhaus danach zu suchen hätte schon scheele Blicke der „Familie“ auf mich gezogen.
 
Mit 20 war ich beim Bund und versuchte, den Vaterlandsverteidiger zu spielen.
Richtig männlich zu sein.
Was für eine verschwendete Zeit.
In jeder Hinsicht.
 
Anders als du wusste ich spätestens mit der Pubertät, dass mein Körper sich in die falsche Richtung entwickelt.
Und doch hatte ich mich ganz bewusst dazu entschieden, mein Leben als Mann zu leben.
Was für ein Quatsch.
 
„Noch mal 20 sein“ ist nicht einfach ein „What-If-Szenario“ einer fiktionalen Welt.
Dieses Gedankenspiel lässt sich mir die Frage stellen, wer ich heute wäre.
Mit Pubertätsblockern und viel passigerem Aussehen.
Hätte ich eine tolerante Schule besucht und wäre weniger gemobbt und verprügelt worden?
Wäre ich in die Schule mit weniger Angst gegangen?
Hätte ich in der Schule, in der Lehre, an der Uni mehr Freundinnen gehabt?
Mehr Freunde?
Und wenn ja, was für welche?
So gute wie die, die auch jetzt, nach der Transition, noch beste Freunde sind?
 
Oder wäre es viel schlimmer geworden, weil ich in einem intoleranten Umfeld aufgewachsen bin, in dem jede Abweichung von der gesellschaftlich vorgegebenen Norm als Schande für die Familie angesehen worden ist?
In dem „man“ von der Frau, von der „man“ geboren worden ist, verstoßen wird?
 
In meinem jetzigen Leben war ich 25, als das geschah, und es hat dennoch elend weh getan – wie hätte ich es verkraftet, mit 15 von zu Hause rausgeschmissen zu werden?
 
Könnte ich dann auch so wie jetzt, komfortabel und satt, darüber sinnieren, wie es wäre, noch mal 20 zu sein, oder läge ich unter einer Brücke oder würde ich mir meine Unterkunft erprostituieren müssen oder hätte ich mich schon längst suizidiert?
 
Wenn ich schon als Kind misshandelt und sexuell traumatisiert worden bin, hätte ich die Angst überlebt, dies als schwache Frau wieder erleben zu müssen?
Könnte ich dann wie heute meinen Mann auf Augenhöhe lieben oder würde ich ihn vor allem als meinen Beschützer sehen?
 
Münden nicht all diese Fragen in die eine:
Wäre ich dann überhaupt noch ich?
Gibt es einen Kern in mir, der unveränderlich ist, oder ändert sich meine Identität mit meinen Lebensumständen?
 
Oder ist die Identität so wie ein Edelweiß, das je nach der Höhe, in dem es wächst, ganz anders ausschaut, aber immer ein Edelweiß ist?
 
 
Heute ist Karsamstag.
Gestern vor einigen Jahren ist in Judäa ein bekannter Prophet getötet worden, und heute Abend, mit Sonnenuntergang, beginnt der Tag, an dem er auferstanden ist.
 
Manche glauben das als reale Wahrheit, manche halten es für Spinnerei, manche sehen es als ein Symbol.
 
Trans Menschen gehören zu denen, die es verstehen.
Sie wissen, was es bedeutet, ein Leben zu Grabe zu tragen und mit dem alten Körper und einer gebrauchten Seele, die hinabgefahren ist in das Reich des Todes, ein neues Leben, eine Fahrt in den Himmel, zu beginnen.
 
 
Euch allen wünsch ich ein glückliches Osterfest.
 

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Nicht zu hassen - um zu lieben bin ich da (Antigone)
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